Stahl ist einer der meistgenutzten Baustoffe im modernen Industrie- und Gewerbebau – für Tragwerke, Stützen, Träger und Skelettbauten. Im Brandfall hat Stahl jedoch eine kritische Schwachstelle: Ab rund 500 °C verliert er einen Großteil seiner Tragfähigkeit. Innerhalb von Minuten kann eine Stahlkonstruktion ohne geeigneten Schutz kollabieren und ein Gebäude gefährden.
Intumeszierende Brandschutzbeschichtungen – sogenannte Dämmschichtbildner – sind die lösungsorientierte Antwort des baulichen Brandschutzes. Sie schützen tragende Stahlbauteile ohne aufwendige Verkleidungen und helfen, definierte Feuerwiderstandsklassen wie R30, R60, R90 oder R120 zu erreichen. In diesem Ratgeber erklären wir, wie Stahlbrandschutz funktioniert, welche Systeme es gibt und worauf es bei der fachgerechten Verarbeitung ankommt.
Wie funktioniert Stahlbrandschutz?
Intumeszierende Brandschutzbeschichtungen gehören zum passiven baulichen Brandschutz. Im Normalzustand sehen sie aus wie ein gewöhnlicher Farbanstrich – dünn, glatt, in verschiedenen Farbtönen verfügbar. Im Brandfall verändert sich das schlagartig:
| Phase | Was passiert? |
| Normalzustand | Dünner, fester Schutzfilm auf dem Stahl – optisch wie ein Lackauftrag |
| Ab ca. 120 °C | Die Beschichtung beginnt chemisch zu reagieren (Intumeszenz) |
| Aufschäumen | Der Dämmschichtbildner bläht sich auf das 30- bis 50-fache seiner ursprünglichen Stärke auf |
| Schutzwirkung | Der entstehende isolierende Kohle-Schaum verzögert den Wärmedurchgang zum Stahl und hält die kritische Temperatur von 500 °C über die geforderte Branddauer hinaus |
Entscheidend: Der Beschichtungsaufbau aus Grundierung, Dämmschichtbildner und ggf. Deckanstrich muss zwingend zulassungskonform nach den gültigen Prüfdokumenten (aBG/ETA) erfolgen. Nur dann ist die Feuerwiderstandsklasse bauaufsichtlich anerkannt.
Feuerwiderstandsklassen R30 bis R180
Die Feuerwiderstandsdauer wird in der Klasse R (für Resistance) angegeben und bezeichnet die Mindestzeit in Minuten, die das Bauteil im genormten Brandversuch standhaft bleibt. Je nach Gebäudeklasse und Nutzung schreiben Bauordnungen unterschiedliche Klassen vor:
| Klasse | Dauer | Typische Anwendung |
| R30 | 30 Minuten | Einfache Industrie- und Gewerbehallen, eingeschossige Bauten |
| R60 | 60 Minuten | Parkhäuser, mehrgeschossige Gewerbebauten, Verkaufsstätten |
| R90 | 90 Minuten | Öffentliche Gebäude, höhere Gebäudeklassen nach LBO |
| R120 | 120 Minuten | Hochhäuser, Sonderbauten, erhöhte Schutzanforderungen |
| R180 | 180 Minuten | Besondere Schutzziele, z. B. Tunnelbauten, kritische Infrastruktur |
| Wichtiger Hinweis: benötigte Feuerwiderstandsklasse Welche Klasse für Ihr Bauvorhaben benötigt wird, legt die zuständige Baubehörde bzw. der Statiker fest. Die Angaben in diesem Artikel dienen der Orientierung. Maßgebend ist stets die aktuelle Baugenehmigung und die darin enthaltenen Brandschutzanforderungen. |
Beschichtungsaufbau: Grundierung, Dämmschichtbildner, Deckanstrich
Ein zugelassenes Stahlbrandschutzsystem besteht immer aus mehreren aufeinander abgestimmten Schichten. Alle Komponenten müssen aus dem geprüften Systemaufbau stammen – ein Austausch einzelner Produkte hebt die Zulassung auf.
| 1 | Untergrundvorbereitung Strahlen im Reinheitsgrad Sa 2½ nach DIN EN ISO 8501-1. Nur ein vollständig rostfreier, sauberer Stahluntergrund gewährleistet optimale Haftung und die geforderte Korrosionsschutzwirkung. Zinkstaub, Öl- oder Fettreste müssen vollständig entfernt sein. |
| 2 | Grundierung (Korrosionsschutz) Die systemgeprüfte Grundierung bildet die Haft- und Korrosionsschutzschicht für den Dämmschichtbildner. Die Wahl der Grundierung hängt vom Untergrund ab: gestrahlt oder handentrostet, blanker Stahl oder verzinkt, Innen- oder Außenbereich. Nur zulassungskonforme Grundierungen dürfen verwendet werden. |
| 3 | Dämmschichtbildner (Brandschutzbeschichtung) Das Herzstück des Systems. Die benötigte Schichtstärke richtet sich nicht pauschal nach m², sondern ergibt sich aus dem sogenannten Profilfaktor (U/A-Wert) des jeweiligen Stahlprofils und der geforderten Feuerwiderstandsdauer. Die genauen Schichtstärken sind in den Zulassungstabellen festgelegt. Die Applikation erfolgt im Airless-Spritzverfahren oder per Pinsel/Rolle (produktabhängig) in mehreren Arbeitsschritten. |
| 4 | Überzugslack (optional, oft empfohlen) Der Deckanstrich schützt den Dämmschichtbildner vor mechanischer Beanspruchung, Feuchtigkeit und Verschmutzung. Im trockenen Innenbereich ohne besondere Belastung kann auf einen Überzugslack teilweise verzichtet werden. Bei erhöhter Luftfeuchtigkeit, im geschützten Außenbereich oder bei optischen Anforderungen ist er jedoch empfohlen. Zusätzlich ermöglicht der Deckanstrich die farbliche Gestaltung in gängigen RAL-Farbtönen. |
Produktübersicht: HENSOTHERM Stahlbrandschutzsysteme
Im Shop führen wir die bewährten HENSOTHERM Brandschutzsysteme von Rudolf Hensel – einem der führenden Hersteller baulichen Brandschutzes in Deutschland. Alle Produkte sind nach ETA (Europäisch Technische Bewertung) zugelassen und besitzen für den deutschen Markt eine allgemeine Bauartgenehmigung (aBG).
Brandschutzbeschichtungen (Dämmschichtbildner)
| Produkt | Basis | Einsatzbereich | Feuerwiderstand |
| HENSOTHERM 421 KS | Wasserbasiert 1K | Innenbereich | R30 – R180 |
| HENSOTHERM 310 KS RAPID | Lösemittelbasiert 1K | Innen- und geschützter Außenbereich | R30 – R60 |
Grundierungen (Systemkomponenten)
| Produkt | Typ | Einsatz |
| HENSOGRUND 1966 E+ | 1K Alkydharz | Gestrahlter Stahl und Guss; Systembasis für HENSOTHERM |
| HENSOGRUND 1K AK | 1K Alkydharz | Handentrosteter und gestrahlter Stahl, Innenbereich |
| HENSOGRUND 2K EP | 2K Epoxidharz | Gestrahlteter Stahl, Guss und Edelstahl; bis Korrosivitätskategorie C5; Innen- und Außenbereich |
| HENSOGRUND 2K (Haftgrund) | 2K Epoxidharz | Verzinkter Stahl; Haftverbesserer für HENSOTHERM Brandschutzsysteme |
Überzugslack
| Produkt | Typ | Einsatz |
| HENSOTOP SB | 1K Acrylharz, lösemittelhaltig | Schützender Decklack und farbliche Gestaltung über HENSOTHERM Brandschutzbeschichtungen auf Stahl und Holz; gängige RAL-Farbtöne |
Schritt-für-Schritt Verarbeitung
Die folgende Abfolge beschreibt den typischen Verarbeitungsprozess für ein HENSOTHERM Stahlbrandschutzsystem. Verbindlich sind immer die aktuellen technischen Merkblätter und die gültige Zulassung der eingesetzten Produkte.
| 1 | Untergrund prüfen und vorbereiten Stahloberfläche auf Reinheitsgrad Sa 2½ strahlen. Fremdkontaminationen, Öl, Fett und Zinkstaub vollständig entfernen. Profil- und Bauteilabmessungen dokumentieren (für die spätere U/A-Wert-Berechnung benötigt). |
| 2 | Systemauswahl und Mengenberechnung Anhand des geforderten Feuerwiderstands (R-Klasse) und des Profilfaktors (U/A-Wert) die erforderliche Nass-Schichtstärke des Dämmschichtbildners anhand der Zulassungstabellen bestimmen. Systemaufbau und Produkte aus der gültigen aBG/ETA auswählen. |
| 3 | Grundierung auftragen Die passende HENSOGRUND-Grundierung gemäß Technischem Merkblatt auftragen und vollständig durchtrocknen lassen. Schichtdicke und Trocknungszeit einhalten. Verarbeitungstemperatur: mindestens +5 °C, Untergrund muss mindestens 3 °C über dem Taupunkt liegen. |
| 4 | Dämmschichtbildner in mehreren Arbeitsschritten aufbringen Die Gesamtschichtdicke des Dämmschichtbildners wird in mehreren Lagen aufgebaut (typisch: bis ca. 1.000 g/m² pro Arbeitsgang bei Airless-Applikation). Zwischen den Schichten die im Merkblatt angegebene Öffnungszeit einhalten. Schichtstärkenmessungen mit geeignetem Nassschichtdicken-Kamm oder Trockenfilm-Messgerät dokumentieren. |
| 5 | Überzugslack auftragen (sofern erforderlich) Nach vollständiger Durchtrocknung des Dämmschichtbildners den HENSOTOP SB Überzugslack im gewünschten RAL-Farbton applizieren. Der Deckanstrich hat keinen Einfluss auf die geprüfte Brandschutzwirkung, solange der zugelassene Systemaufbau eingehalten wird. |
| 6 | Dokumentation und Abnahme Sämtliche Schichtdicken, Verarbeitungsdaten und verwendeten Produkte im Beschichtungsprotokoll festhalten. Bauaufsichtlich ist der Nachweis der zulassungskonformen Ausführung über eine vollständige Dokumentation zu erbringen. Rudolf Hensel stellt hierfür entsprechende Vordrucke zur Verfügung. |
| Tipp: Taupunktmessung vor der Applikation Vor jeder Beschichtung sollte die Stahltemperatur und der Taupunkt gemessen werden. Die Untergrundtemperatur muss mindestens 3 °C über dem Taupunkt liegen – andernfalls besteht die Gefahr von Haftungsmängeln und Korrosion unter der Beschichtung. Entsprechende Messvordrucke gibt es als Download beim Hersteller. |
Zulassungen & Normen
HENSOTHERM Stahlbrandschutzsysteme sind international geprüft und zugelassen. Für den Einsatz in Deutschland und Europa sind folgende Zertifizierungen relevant:
| Zulassung / Norm | Bedeutung / Geltungsbereich |
| ETA | Europäisch Technische Bewertung – Grundlage für die CE-Kennzeichnung, gültig in allen EU-Mitgliedsstaaten |
| aBG | Allgemeine Bauartgenehmigung – bauaufsichtlicher Verwendbarkeitsnachweis für Deutschland |
| DIN EN 13381-8 | Europäische Prüfnorm für intumeszierende Brandschutzbeschichtungen auf Stahl |
| VKF | Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen – Zulassung für die Schweiz |
| AgBB / EPD | Wasserbasierte Produkte der Green Product Linie sind VOC-frei, AgBB-geprüft, Emissionsklasse A+ und besitzen eine Umweltproduktdeklaration Typ III; für Aufenthaltsräume zugelassen |
Häufige Fragen zum Stahlbrandschutz
| Kann ich die Brandschutzbeschichtung überstreichen oder farblich gestalten? Ja – mit dem zulassungskonformen Überzugslack HENSOTOP SB ist eine farbliche Gestaltung in gängigen RAL-Farbtönen möglich. Die Brandschutzwirkung wird dadurch nicht beeinflusst, solange der vorgeschriebene Systemaufbau eingehalten wird. |
| Wie viel HENSOTHERM benötige ich für mein Projekt? Der Verbrauch hängt vom Profilfaktor (U/A-Wert) der verwendeten Stahlprofile und der geforderten Feuerwiderstandsklasse ab. Eine Pauschalangabe in g/m² ist ohne diese Parameter nicht möglich. Sprechen Sie uns an – wir helfen Ihnen bei der objektbezogenen Mengenermittlung. |
| Kann ich HENSOTHERM im Außenbereich einsetzen? Für den Innenbereich ist das wasserbasierte HENSOTHERM 421 KS optimiert. Für den Innen- und geschützten Außenbereich eignet sich das lösemittelhaltige HENSOTHERM 310 KS RAPID. Ungeschützte Außenanwendungen erfordern das speziell entwickelte HENSOTHERM 310 KS OUTDOOR, das auf Anfrage verfügbar ist. |
| Ist eine Fachkraft erforderlich? Stahlbrandschutz ist Teil des bauaufsichtlich relevanten passiven Brandschutzes. Die Applikation und Dokumentation sollte durch erfahrene Fachbetriebe oder entsprechend geschultes Personal erfolgen. Rudolf Hensel bietet eigene Schulungen für Verarbeiter an. |
| Darf ich Grundierung und Dämmschichtbildner von verschiedenen Herstellern kombinieren? Nein. Nur die in der aktuell gültigen Zulassung (aBG/ETA) aufgeführten Systemkombinationen sind bauaufsichtlich anerkannt. Ein Austausch einzelner Systemkomponenten gegen Produkte anderer Hersteller hebt die Zulassung auf und ist damit nicht zulässig. |
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